Zum Neuen Jahr 2018

Neujahrspost und Neujahrsansprachen haben immer zwei Blickrichtungen: Der Blick stolz zurück auf das Erreichte und der Blick nach vorne auf die vor uns liegenden Herausforderungen. So sprechen und schreiben Politiker, Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung und natürlich auch in der Gesundheitspolitik.

Wir haben Grund, stolz zu sein!

Für den Blick stolz zurück haben wir in der Orthopädie und Unfallchirurgie am Caritas-Krankenhaus allen Grund: Erneut haben wir vielen Menschen geholfen nach Verletzungen oder mit degenerativen Erkrankungen wieder aktiv und schmerzbefreit am täglichen Leben in Arbeit, Familie und Freizeit teilzunehmen.

Darum geht es im Kern, und das macht uns am meisten stolz. Es ist die Qualität, die der Einzelne erlebt.

Bei einem systemischen Blick auf die Qualität haben wir ebenfalls Grund, stolz zu sein: Wir haben erneut Top-Platzierungen im Klinik-Ranking (bundesweit unter den besten 100 Kliniken, besonders empfohlen die Orthopädie), meine Person wurde erneut als Knie-und Hüft-Spezialist in der Fokus-Liste empfohlen, wir haben exzellente Ergebnisse in der externen Qualitätssicherung, sehr gute Ergebnisse in der freiwilligen Qualitätssicherung mit Routinedaten (IQM, Initiative Qualitätsmedizin), eine ausgezeichnete Positionierung im Qualitätsreport 2018 des wissenschaftlichen Dienstes der AOK– nur 38 Kliniken bundesweit haben wie wir in allen vier Kategorien jeweils die Top-Note erreicht.

Mit der Zertifizierung der Alterstraumatologie haben wir nun neben dem Endoprothesenzentrum und dem regionalen Traumzentrum das dritte zertifizierte Zentrum innerhalb der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie.  Das ist insgesamt mehr als respektabel, und der Respekt und der Dank gebühren dem gesamten Team unserer Klinik, das  diese Qualität jeden Tag aufs Neue sicherstellt.

Qualitätsmedizin unter Druck

Gleichwohl habe ich zum Jahreswechsel beim Blick zurück gemischte Gefühle, denn wir „produzieren“ Qualitätsmedizin unter immer schwierigeren Bedingungen. Wenn in der Zeitung zu lesen steht, dass zwei Drittel aller baden-württembergischen Krankenhäuser in 2017 mit einem Defizit abgeschlossen haben und unser Haus zum Drittel ohne Defizit gehört, dann können wir natürlich auch darauf stolz sein, wie jeder Mitarbeiter in jedem Unternehmen, das wirtschaftlich erfolgreich arbeitet.

Aber zugleich spüren vor allem unsere Pflegekräfte, aber auch alle anderen Mitarbeiter in den Knochen, was es heißt, mit knappen Ressourcen immer mehr zu leisten. Und selbstverständlich kommt bei unseren Patienten an, dass das System Krankenhaus unter gehörigem Druck steht. In den zwölf Jahren, in denen ich jetzt im Caritas arbeite, haben wir im gesamten Haus die Zahl der stationär behandelten Patienten um etwa ein Drittel gesteigert, bei in etwa konstanter Mitarbeiterzahl. Auch wenn ein Teil der Steigerung durch Prozessverbesserungen erreicht werden konnte, so wurde der größte Teil der Leistungssteigerung im Sinne des „schneller – höher – weiter“ durch jeden einzelnen unserer Mitarbeiter hart erarbeitet.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Der Druck entsteht nicht durch die Geschäftsführung unserer Klinik, sondern durch die Rahmenbedingungen, welche die Politik vorgibt. Dabei erzürnt es nicht nur mich, dass weder in den gescheiterten Jamaika-Sondierungen noch im Vorgeplänkel der jetzt anstehenden Sondierungen zur großen Koalition gesundheitspolitische Themen eine wesentliche Rolle spielten oder spielen, wenn man von der rein ideologisch getriebenen Debatte um die Bürgerversicherung absieht – als ob es keine wirklichen Probleme gäbe!

Es fehlt das Soziale in der Marktwirtschaft

Der Kern des Problems ist, dass von der Sozialen Marktwirtschaft, dereinst Markenzeichen des Wirtschaftswunderdeutschland, kaum mehr die Rede ist. Heute geht man in intellektuell entkerntem Vulgär-Liberalismus davon aus, dass „der Markt“ schon alles richten wird, wenn man ihm nur die notwendigen Freiheiten gibt.

„Der Markt“ regelt aber schon seinem Wesen nach immer nur das Ökonomische, es geht immer nur um den ökonomischen Vorteil, um den Profit. „Der Markt“ hat kein soziales Regulativ und schon gar kein soziales Gewissen. Wozu das führt, konnte man im abgelaufenen Jahr unter anderem in den Paradise Papers nachlesen oder am Wohnungsmarkt studieren. Mit den Mechanismen des reinen Marktes versucht die Politik nun schon seit fast zwei Jahrzehnten, das Gesundheitswesen zu steuern und tut nun so, als sei man erstaunt darüber, dass die Akteure des Gesundheitswesens rein marktwirtschaftlich, sprich: rein ökonomisch getrieben agieren. Mehr Scheinheiligkeit geht nicht.

Die Politik muss endlich begreifen – oder wir Wähler müssen es der Gesundheitspolitik begreiflich machen – dass es in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung nicht um austauschbare Dienstleistungen, Handy-Verträge oder den Verkauf von Schrauben geht, sondern um etwas im Tiefsten Personales, auf den Menschen in all seinen Dimensionen hin Bezogenes. Das lässt sich nicht rein ökonomisch abbilden und damit auch nicht rein ökonomisch regeln.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Es braucht eine Re-Orientierung, eine Neu-Ausrichtung auf das, worum es eigentlich geht. Sir müssen uns wir uns in der Gesundheitspolitik wieder darauf besinnen, dass das Geld Mittel zum Zweck ist, die Ökonomie alleine einem Auftrag zu dienen hat: Kranke zu heilen und Leiden zu lindern. Es geht um den jeweils einzelnen Menschen, dessen Würde unantastbar ist.

So lassen Sie uns das Neue Jahr 2018 in der Hoffnung beginnen, dass der Artikel 1 unseres wunderbaren Grundgesetzes auch wieder auf die Gesundheitspolitik Anwendung findet.

Ihnen persönlich wünsche ich alles Gute, Glück und Gesundheit!

Herzliche Grüße

Ihr

Prof. Dr. med. Christoph Eingartner